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„Wie nennt man es, wenn es weiß regnet?”

17 Oktober 2013 Das Mädchen auf'm Dach 3 Kommentare

Junge beim Fotoworkshop

Da ist dieser Junge bei dem Fotoworkshop.* Der Junge ist 13. Vor fünf Monaten ist er mit seinen Eltern und seinen drei Schwestern aus Syrien geflohen. Ich finde, dass er schon sehr gut Deutsch spricht, er findet das nicht. Sein Englisch, Persisch und Kurdisch seien besser. Wir gehen zusammen über den Steg am Strand, der Himmel ist grau und der Nieselregen hört einfach nicht auf. Sehr norddeutsch. Der Junge zückt die Kamera und macht ein Foto vom Steg aus über den Strand und über das Wasser. Er möchte, dass der Strand eine schräge Linie im Foto bildet, damit das Bild dynamischer wirkt, so wie ich es erklärt habe.

Er guckt entzückt auf das Disyplay, das sein eben fotografiertes Bild zeigt und lächelt. Das Bild ist relativ hell geworden. Er fragt mich: „Wie nennt man es, wenn es weiß regnet?” Ich lächle zurück und sage: „Schnee.” „Ja, es sieht aus wie Schnee.”

Wie nennt man es, wenn es weiß regnet. Diese Frage geht mir den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopf. Ich finde die Frage klug und sehr berührend. Seine Heimat ist so weit weg und er versucht auf alle Fragen, die ihm hier in Deutschland begegnen, Antworten zu finden. Die Sprache zu lernen. Freundschaften zu schließen. Er lächelt viel, lernt schnell und macht tolle Fotos.

Ich dachte, dass es diese Woche die größte Herausforderung für mich wäre, vor Menschen zu sprechen. Ich habe Angst davor, vor Menschen zu sprechen. Mittlerweile empfinde ich es als eine viel größere Herausforderung, meine Gedanken zu sortieren. Dass dieser Junge aus Syrien es gemeinsam mit seiner Familie geschafft hat, aus einem schrecklichen Krieg zu fliehen und hier nach Deutschland zu kommen. Wie viele Jungs in seinem Alter sich nicht in Sicherheit bringen konnten. Oder in einem Flüchtlingscamp ausharren. Neben diesem Jungen gibt es noch einen weiteren Flüchtling in dieser Gruppe. Er floh allein aus Afghanistan und ist 15 Jahre alt.

Wenn ich von Kindern lese, die immer noch in den Kriegsgebieten auf ihre Chance warten, die auf der Überfahrt nach Lampedusa umkommen, die, wenn sie es doch geschafft haben, hier in Deutschland unerwünscht sind und bedroht werden, dann haben diese Kinder jetzt für mich Namen und ein Gesicht. Sie haben ein Recht auf ein Leben in Frieden und Sicherheit. Selbst wenn wir hier wenig haben, haben wir im Gegensatz zu anderen so viel.

„Ich hab es satt; wozu sollen wir Menschen miteinander kämpfen? Wir sollten uns nebeneinander setzen und Ruhe haben.” (Georg Büchner – Dantons Tod)

Ich habe es wirklich satt und die Menschen in ihren gemütlichen, europäischen Sesseln machen mich wütend. Wir brauchen nicht miteinander zu kämpfen. Wir sollten miteinander reden, uns zuhören und Dinge zusammen gestalten. Und denen, die aus dem Krieg kommen, endlich die Ruhe gönnen, die sie verdient haben.

*Den Foto- und Bildbearbeitungsworkshop gebe ich diese Woche gemeinsam mit meinen Eltern. Er richtet sich an Kinder mit Migrationshintergrund.



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3 Kommentare »

  • Lisbeth said:

    Ergreifend und schön!
    Wir lachen viel und oft, aber innerlich gibt es viel, das uns aufwühlt.
    Eine gute Erfahrung.
    Danke, daß du deine Gedanken in Worte faßt!

  • Steffi said:

    Danke Fenni für die wunderbaren Worte !
    Wunderbar und treffend geschrieben.
    Wie nennt man es,wenn es weiss regnet?
    Eine tolle Frage !

  • Heike said:

    Liebe Fenni,
    bin da ganz bei dir.
    In meiner Jugend gab es einen Spruch:”Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin” …Hab mir oft vorgestellt was passieren würde wenn das realisierbar wäre und mir die dummen Gesichter der Politiker und Kriegstreiber vorgestellt.
    Wenn man das Kind in sich nicht verliert kann man in jedem Alter noch so viel Neues und Schönes entdecken

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