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#stopwatchingus oder: Ich habe ganz viel zu verbergen

1 August 2013 Das Mädchen auf'm Dach Keine Kommentare

Am Wochenende war ich demonstrieren. Ganz eigennützig. Weil ich wütend und entsetzt bin.

Meine Eltern kamen mit, ihnen geht es ähnlich. Benni musste arbeiten und konnte uns leider nur moralisch aus der Ferne unterstützen. Egal ob wir in den Tagen davor Erdbeeren pflücken waren, beim Grillen zusammensaßen oder zwischendurch telefonierten: Prism und Tempora waren immer öfter die Themen, bei denen unsere Gespräche unausweichlich landeten. Mit jedem Tag wurden die Fassungslosigkeit, das Unverständnis, die Wut und die Angst davor, was in Zukunft noch passieren könnte, größer.

Benni und ich saßen in den letzten Wochen oft gemeinsam im Wohnzimmer und nutzten die kostbaren, freien Stunden für Diskussionen über Freiheit und Sicherheit, über unser Leben und unser Verhalten im Netz. Wir machten uns Gedanken und sponnen die Zukunft weiter.

Einer dieser Abende war sehr prägend für mich, weil wir gemeinsam ziemlich viele gute, aber auch erschreckende Gedanken hatten. Ich referierte über politische Theorien und versuchte herauszufinden, wie das, was wir nun wussten, in den Rahmen passen sollte, den ich im Studium als Werkzeug an die Hand bekommen hatte. Die Sonne ging draußen ganz unbemerkt langsam unter und irgendwann saßen wir im Dunkeln. Und hatten Angst vor der Welt da draußen. Und der Welt in unseren Computern und Handys. Und wir sprachen leiser, ganz unbewusst. Ich denke, das ist es, was passiert, wenn Menschen das Gefühl haben, überwacht zu werden: Sie haben Angst und sprechen leiser.

Ich möchte aber keine Angst haben
und leiser sprechen müssen.

Wir könnten uns aus dem Netz zurückziehen. Das wäre eine vorübergehende Möglichkeit. Aber ich möchte nicht aus etwas fliehen, das mir eine Heimat geworden ist. Ich möchte nicht, dass jemand meine persönlichen Ansichten von dem, was für mich im Internet öffentlich und dem, was privat ist, ignoriert. Ich möchte nicht, dass ein Staat meine im Internet formulierten Gedanken aushorcht, speichert und potenziell gegen mich verwendet. Ich möchte selbst entscheiden können, ob, wem, wann und welche Daten ich preisgebe. Ich möchte nicht in einer Demokratie leben, in der einige Menschen nicht demonstrieren gehen, weil sie Angst vor möglichen Konsequenzen haben. Ich möchte mir beim Schreiben dieses Blogbeitrags keine Gedanken darüber machen müssen, ob ich nun verdächtig bin.

Ich habe eine ganze Menge zu verbergen. Wenn ich abends mit Benni im Bett sitze und wir uns über den Tag austauschen zum Beispiel. Ich habe manchmal zu verbergen, wen ich mag und wen nicht. Was ich gut finde und was nicht. Ich habe zu verbergen, ob ich krank bin oder nicht, ob es mir gut oder schlecht geht und warum. Was ich lese, was ich sehe, was ich höre, was ich esse, was ich trinke. Was ich im Internet suche. Wofür ich mein Geld ausgebe, wie viel Geld ich habe. Was ich mir wünsche. Wenn mir andere etwas anvertrauen. Es gibt so unendlich viele Dinge, die jeder von uns zu verbergen hat.

Ich bin nur ich, wenn ich keine Angst haben muss, ich sein zu dürfen.

Ich habe Geheimnisse, sie machen mich zu dem, was ich bin. Nicht alles von meinem Gegenüber zu wissen, macht Kommunikation erst sinnvoll und möglich, macht Menschen erst zu sozialen Wesen. Erst durch eine von der Verfassung gesicherte Freiheit vom Staat, werden Menschen zu mündigen Bürgern.

Ich denke, dass es am Ende allen Menschen so geht, wenn sie sich informieren und die Problematik und die Gefahren erkennen. Informiert euch, lest oder guckt aufmerksam die Nachrichten – bedient euch dabei verschiedener Quellen! Macht euch selbst Gedanken, sprecht mit euren Freunden, eurer Familie und euren Bekannten! Tauscht euch aus! Lernt, etwas sicherer im Internet zu surfen! Steht auf und geht auf die Straße!

Habt keine Angst und fangt niemals an, leiser zu sprechen!

In the end the Obama administration is not afraid of whistleblowers like me, Bradley Manning or Thomas Drake. We are stateless, imprisoned, or powerless. No, the Obama administration is afraid of you. It is afraid of an informed, angry public demanding the constitutional government it was promised — and it should be.

Edward Snowden – Link zu seinem vollständigen Statement >>

Bilder von der #stopwatchingus-Demo in Hamburg am 27.7. 2013

Die US-Botschaft in Hamburg

Ein paar Tipps zum Schluss

Prism|Break
Eine gute Übersicht über einige leicht zu benutzende Tools, die das Leben im Netz ein kleines bisschen sicherer machen.

The Guardian | The NSA-Files
Eine fortlaufende Übersicht über die Enthüllungen Edward Snowdens (engl.)

Überwachungsstaat – Was ist das?

Ein sehr verständliches, informatives Video, das jeder gesehen haben sollte. Es eignet sich besonders gut zum Weiterleiten an bisher noch nicht so informierte Freunde, Bekannte und Familienmitglieder.


Juli Zeh – NSA wie Einbrecher im eigenen Haus

Juli Zeh setzt sich seit Jahren für mehr Privatsphäre von Bürgern ein. Das Video erklärt sehr bildlich die NSA-Problematik. Darüber hinaus finde ich ihr Buch Angriff auf die Freiheit (Ilija Trojanow/Juli Zeh: Angriff auf die Freiheit: Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte; 7,90 €) sehr spannend.





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