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Ich überwinde meine Koffeinsucht – 14 Tage ohne Energydrink.

22 April 2013 Das Mädchen auf'm Dach 8 Kommentare

Selbst bei meinem Besuch bei der kleinen Wölfin Naaja konnte ich nicht ohne den Energydrink. Naaja fand eher die Flasche an sich spannend.

Selbst bei meinem Besuch bei der kleinen Wölfin Naaja konnte ich nicht ohne den Energydrink. Naaja fand eher die Flasche an sich spannend.

Seit 14 Tagen lebe ich jetzt ohne Energydrinks. Das geht vielen so und klingt für die meisten nicht schlimm. Ein Großteil der Energydrink-Trinker wird am Wochenende die Gummibärenbrause mit Wodka mischen. Oder in Phasen höchster Anspannung und akuter Übermüdung dazu greifen. So fing es bei mir auch an.

Relativ früh habe ich mir schon ab und zu eine Dose Red Bull gekauft. Schmeckte lecker, fand ich. Irgendwann war ich eine echte Energydrink-Expertin und konnte anhand von Süße und Säure des Getränks gut unterscheiden, um welches Getränk es sich handelte. Vielleicht war es eine Dose in der Woche, vielleicht auch zwei. Mit Eintritt in die Oberstufe fing ich an, Energydrinks in Flaschen zu kaufen. Immer eine Flasche morgens vor der Schule. Am Wochenende brauchte ich das Getränk nicht, es ging immer nur um die Zeit in der Schule. Es gab auch keinen Zwang für mich, Energydrinks zu trinken, es ging auch gut ohne. Dennoch gehörten der goldene, nach Gummibärchen riechende Zuckersaft und ich für meine Mitschüler untrennbar zusammen. Nach ihrem Empfinden gab es uns nur im Doppelpack. Dabei war der Energy-Konsum zu der Zeit rückblickend im Verhältnis fast lächerlich gering.

Seit meinem Abitur 2007 kann ich aber sagen: Es gab keinen Tag, an dem ich nicht mindestens einen Liter Energydrink getrunken habe. Doch, einen Tag: An einem Tag im Aufwachraum nach einer schweren OP. Sonst an jedem Tag. Wie viele andere Koffein-Junkies habe ich immer mit meinem niedrigen Blutdruck argumentiert. Tatschlich bewegte sich mein Blutdruck erst mit der steigenden Koffeinzufuhr immer im Normalbereich.

In den letzten Jahren und vor allem den letzten Monaten änderte sich die Situation etwas: Ich merkte, dass ich wirklich süchtig nach einem ganz bestimmten Energydrink war. Es musste dieser sein. Jeden Tag. An den meisten Tagen waren es dann zwei Liter. Sobald nur noch eine Flasche im Schrank war, wurde ich nervös. Egal wo ich hinfuhr, der Energydrink musste mit. Was auch bedeutete, dass zum Beispiel mehrere Liter des Energydrinks mit nach Prag fuhren. Irgendwann war es eine Art Markenzeichen von mir. Jeder kannte mich so, mancher gab mir einen Ratschlag („In England ist wieder ein Jugendlicher an Energydrinsk gestorben!”). Eine Koffeinsucht ist ja in der Gesellschaft immer eher ein Zeichen für Leistungsbereitschaft, man überlistet den eigenen Körper, kann nächtelang wachbleiben und arbeiten. Ich habe irgendwann von mir selbst gesagt, ich sei ein kleines Duracell-Häschen. Eine Weile war das auch so und eine Weile ging es auch gut.

Mein Körper war sechs Jahre immer auf einem gewissen Koffeinlevel. Ab und zu gab es Herzrasen, einmal dachte ich, mein Herz würde explodieren. Sogar nachts wenn ich wach wurde, trank ich einen Schluck von dem Zeug – und konnte weiterschlafen. Ich wurde nicht wacher, ich brauchte das Getränk einfach. Mein Ruhepuls war ständig im Galopp und ich fühlte mich permanent erschöpft.

Vor zwei Wochen war ich krank. Von einer auf die andere Minute hatte ich starken Schüttelfrost, Fieber und war zu schwach, mich in irgendeiner Form zu bewegen. Am nächsten Tag sah ich um mich herum nur weißen Nebel, wäre im Bad fast gegen das Waschbecken gekracht und mein Freund konnte zusehen, wie sämtliche Farbe aus meinem Gesicht verschwand. Genauso schnell wie der Spuk gekommen war, war er auch wieder weg. Nach drei Tagen war ich fieberfrei und konnte wieder aufstehen. Innerhalb dieser drei Tage habe ich mir vorgenommen, keine Energydrinks mehr anzurühren. Der plötzliche Totalausfall hatte mit dem langfristigem Energykosum nichts zu tun, Bekannte schilderten mir, dass es ihnen ähnlich ergangen sei. Aber ich dachte mir: Hey, jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, dann merkst du den „Entzug” nicht so, dir geht’s sowieso extrem beschissen. Den „Entzug” habe ich trotzdem gemerkt. Ohne den Energydrink bekam ich kalte Schweißausbrüche, ich zitterte stark und fühlte mich hundemüde.

Zwischen dem Entschluss und heute sind zwei Wochen vergangen. Ich bin überfordert, weil ich mir im Getränkeregal jetzt verschiedene Getränke aussuchen kann und irgendwie auch muss. Ich trinke mehr Wasser und Selter und Schorlen und Säfte. Es gab bei mir tatsächlich so eine starke psychische Abhängigkeit, dass es mir schwerfällt, an dem Regal im Supermarkt vorbeizugehen. Letzens habe ich mir eine Fritz-Limo-Apfelsaftschorle gekauft. Es war ungewohnt, schmeckte aber sehr gut. Ich werde jetzt mehr ausprobieren. Das klingt so abenteuerlustig, obwohl es nur um Getränke geht… Ob es mir besser geht? Ich weiß es noch nicht. Mein Herz schlägt immer noch ziemlich schnell und ich fühle mich sehr müde. Ich muss lernen, 940 Kalorien am Tag jetzt mit Essen oder anderen Getränken zu füllen. Langfristig ist es aber wohl definitiv besser so. Für die Vielfalt in meinem Leben auf jeden Fall.



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8 Kommentare »

  • lumpi2k said:

    Ich habe letztes Jahr auch angefangen, meine Koffeinzufuhr drastisch zu senken. Das Tolle daran ist, dass ich jetzt Koffein gezielt zur Leistungssteigerung einsetzen kann. Vorher hab ich einen Kaffee gebraucht um wach zu werden – mittlerweile werde ich auch so wach und wenn ich mal extrafit sein will, zwirbel ich mir nen Espresso rein und dann gehts richtig los. Ist ne tolle Sache wenn man mal wirklich wach sein muss.

  • rowi said:

    Klingt eher nach einer Zuckerentwöhnung als Koffein. Ist natürlich beides aber ich vermute dass der Zuckerrückgang den größeren Effekt hat.

  • Steffen said:

    Oh krass! Ich wusste nicht, dass es Menschen gibt, die so viel Energy-Drinks zu sich nehmen. Vielleicht ist dieser Artikel bei SPIEGEL ONLINE für Dich interessant: http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/espresso-ein-kaffeesuechtiger-auf-entzug-a-892051.html
    Ich wünsche Dir viel Erfolg bei Deinem Entzug!

  • Thomas said:

    Ich habe bis letzte Woche sehr viel Coca-Cola getrunken, obwohl dort weniger Koffein drin ist als in Energydrinks war der Entzug für einen Tag wirklich die Hölle, zumindest für mich.
    Hatte Kopfschmerzen und Übelkeit, das Mittagessen an dem Tag verabschiedete sich durch die falsche Öffnung.
    Koffein ist halt auch “nur” eine Droge.

  • Das Mädchen auf'm Dach (author) said:

    Vielen Dank, ihr lieben für eure aufmunternden und interessanten Kommentare :)

    @lumpi2k Daran will ich erst einmal noch gar nicht denken :D Aber wenn ich soweit bin, freue ich mich auch auf den Moment: Koffein einfach ‘mal dazu zu nutzen, wozu es ja eigentlich gedacht ist.

    @rowi Ja, das kann gut sein. Egal, was es ist – es fühlte sich nicht so toll an. Aber jetzt steige ich immer wenn ich müde bin – solange es zu Hause ist – auf mein stationäres Fahrrad. Danach bin ich wieder wach :)

    @Steffen Siehste und das in deiner „direkten Umgebung” :) Vielen Dank für den Linktipp!

    @Thomas Das stimmt. Leider :-/

  • Sven said:

    Naja, es gibt ja genügend Getränke, die mit Kalorien total angereichert sind ;-) – das sollte also nicht das Problem sein. Aufpassen musst du nur, dass du nicht nur das Getränk wechselst und die Sucht bleibt ;-)

  • Daniel said:

    Verdammt, du klingst wie ich einst. Ist zwar schon ewig her der Blogeintrag, aber welcher Energy Drink war das auf dem du hängen geblieben bist? Meiner hieß “Big Shock! Energy”. Das ist schon 10 Jahre her, aufgehört hatte ich vor 5 Jahren ungefähr. Vor kurzem bin ich wieder rückfällig geworden. Es hatte sich ja einiges an den Sorten getan und mein geliebten Favorit gibt es nur noch in Tscheschien.  Aber gute Alternativen gibt’s auf dem Markt. Ich habe heute den ersten Tag nix mehr getrunken nach 1 Monat durchweg jeden Tag 2 x 0,5 l Dosen. Und heute hatte ich dann übelste Kopfschmerzen und Übelkeit.  Pass bitte auf dich auf, es geht so verdammt schnell das man wider auf den Geschmack kommt!! Falls du das noch liest kannst ja mal schreiben ob du heute (sind ja fast 3 Jahre her) immer noch “clean” bist. gruss 

  • Sabrina said:

    Ich bin jetzt seit einem Tag auf energy Entzug es ist einfach nur schrecklich ich hoffe ich schaffe es genau so wie du. 

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