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Ich mache mir Sorgen.

28 Februar 2013 Das Mädchen auf'm Dach 5 Kommentare

Ich mache mir Sorgen darüber, ob das Geld reicht. Ob wir das Studium packen. Was wohl danach kommt. Ob wir den Absprung schaffen. Ich mache mir Sorgen, ob es meinem Freund gut geht. Ob er Entscheidungen bereut, ob er glücklich ist. Ich mache mir Sorgen um meine Eltern. Um meine kleine Schwester. Weil sie einfach meine kleine Schwester ist. Ich mache mir Sorgen, dass ich zu viel rauche. Und dann rauche ich noch mehr. Ich mache mir Sorgen um die Welt, um dieses Land, um die Politik, um die Wirtschaft. Ich mache mir Sorgen um Griechenland. Wir müssen die Krankenversicherung noch bezahlen. Ich mache mir Sorgen um meine Großeltern. Um meine ungeborenen Kinder. Wie sie wohl leben werden? Werden sie meine Großeltern noch kennenlernen? Ob wir den Kindern alles mitgeben können, was wir uns vorgenommen haben? Ich mache mir Sorgen um ein kleines, krankes Chamäleon. Ich mache mir Sorgen um die Prüfungen, die noch kommen. Darüber, dass wir wieder viel zu spät mit dem Lernen anfangen werden. Wir müssen noch zum Prüfungsamt. Dringend. Ich mache mir Sorgen um meine Bachelor-Arbeit, darüber, dass ich die Regelstudienzeit nicht eingehalten habe. Was die freie Wirtschaft wohl dazu sagt? Finde ich so einen Job? Ich mache mir Sorgen darüber, was wir Morgen essen. Ich sollte richtig kochen lernen. Nehme ich mir vor. Ich mache mir Sorgen darüber, dass die Fenster nicht geputzt sind, dass die Wäsche noch in der Maschine liegt. Dass wir Morgen früh pünktlich wach werden müssen. Dass ich noch Bilder bearbeiten und Texte schreiben und sowieso alles in den Griff bekommen muss. Eigentlich jetzt sofort. Aber wenn ich jetzt aufstehe, wird er wach. Und er muss Morgen so früh los. Ich müsste auch schlafen, es ist schon vier Uhr. Ich darf Morgen nicht vergessen, dieses Formular auszufüllen.

So waren die meisten Nächte seit letztem Dezember. Alles, worüber ich mir Sorgen machte, konnte ich nicht verändern. Zumindest nicht nachts. Es waren teilweise Dinge, die gar nicht mich, sondern andere Menschen, die mir wichtig sind, betrafen. In einer Nacht stand ich auf und setzte mich an den Schreibtisch. Und schrieb meine Sorgen auf kleine Zettel.

Angst

Da stand es vor mir, schwarz auf weiß: Ich habe Angst vor der Statistik-Klausur. Dass ich diese Angst hatte, lag daran, dass ich zu spät angefangen hatte zu lernen. Oder mir vorgenommen hatte ganz früh mit dem Lernen anzufangen und es seitdem vor mir her schob. Oder dass ich panische Angst vor Zahlen und Formeln hatte. Oder dass ich wusste, dass mein Studium vorbei wäre, wenn ich diese Klausur nicht in den nächsten zwei Versuchen schaffen würde. Dass drei Uni-Jahre umsonst gewesen wären. Aber jetzt, da dieses Wort Angst vor mir stand, wurde ich ruhiger. Ich legte den Zettel und noch einige andere in Rumpel, meinen Sorgenfresser, den ich zwar schon länger hatte, aber bis dahin nie benutzt habe. Es wäre wohl genauso effektiv gewesen, die Zettel in eine Box zu legen. Aber ich wählte dafür eben Rumpel. Weil er niedlich aussieht und mir Mut macht – obwohl er vielleicht für Kinder ist.

Sorgenfresser Rumpel

Meine erwachsenen Sorgen unterscheiden sich gar nicht so sehr von denen, die ich als Kind hatte. Auch als Kind hatte ich Angst, dass meinen Eltern etwas passieren könnte. Heute mache ich mir Sorgen, weil ich weiß, dass wir alle älter werden. Und ich mir ein Leben ohne sie nicht vorstellen kann. Und ich an all’ die anderen Konsequenzen denke. Aber die Angst, die eigenen Eltern zu verlieren, ist gleich geblieben. Heute mache ich mir mehr Sorgen um andere als früher. Aber die Angst vor dem Wechsel von der Grundschule auf das Gymnasium ist eigentlich genauso schlimm wie die Angst vor dem Uniabschluss. Ich liege heute vielleicht länger wach, die Sorgen haben sich differenziert, jetzt, wo man ein eigenes Leben führt.

Aber Angst fühlt sich beschissen an, egal wie alt man ist. Also kommen meine Sorgen und Ängste weiterhin in den Sorgenfresser. Auch wenn ich kein Kind mehr bin.

 



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5 Kommentare »

  • Martin aus Leipzig said:

    Schöner Text. Ich glaube das es wichtig ist sich Gedanken zu machen, aber aus diesen Gedanken solltest du positive Energien ziehen. Wie oft ist wirklich was passiert, nach dem du dir Sorgen gemacht hast? 
    Bring eine klare Trennung in die Gedanken, was kannst du selbst aus der Welt schaffen und was kannst du nicht ändern? Warum sorgen machen über Dinge die du nicht ändern kannst? 
    Und Dinge die du ändern kannst – pack sie an änder sie. Was mir hilft wenn ich nicht vor ständigen Gedankenkarussell nicht schlafen kann, ich höre Podcasts… Hilft mir zumindest ungemein. 
    Meist ist unsere eigene Sicht viel zu beschränkt, schau dir die Welt aus einer anderen Perspektive an, vielleicht durch eine Reise… Ich zumindest konnte durch sowas meine eigenen kleinen Problemchen echt aus der Welt schaffe, weil ich gesehen habe, wie es auch ganz anders laufen kann… 

  • Das Mädchen auf'm Dach (author) said:

    Danke, Martin! Die Nächte sind mittlerweile ruhiger geworden. Richtigerweise hätte der Text wahrscheinlich schon im Januar hier stehen müssen. Statistik glückte letztendlich mit 1,3, weil ich die Panik so kanalisiert habe, dass ich durchgepaukt habe. Das war auch eine… interessante Erfahrung. Die Zeit von Dezember bis Anfang Februar war ziemlich heftig, weil dort viele Dinge passiert sind, die das Existenzielle betrafen. Jetzt mit dem nahenden Frühling geht es auch hier wieder aufwärts…  So habe ich auch wieder etwas mehr innere Ruhe, um kreativ zu sein. Der Blick verändert sich einfach, wenn vieles um einen herum geklärt ist.

  • Mathias said:

    Was Du hier beschreibst kenne ich gut. Den Kopf einfach mal abzuschalten ist gar nicht so leicht, erst recht dann nicht, wenn man eh schon viel um die Ohren hat und dann auch noch Dinge dazu kommen, die ihr in den letzten Monaten erleben musstet. 
    Einige Dinge helfen mir mich wieder zu fokussieren und auch abzuschalten
     

    Probleme/Aufgaben sofort erledigen, wenn alle Infos schon bereitliegen.
    Mach Deine Arbeit mit Begeisterung! Manchmal einfach die Einstellung ändern.
    Zähle die Geschenke, nicht die Probleme (soll heissen: freue Dich über Deine Familie, deine Freunde, deine Wohnung, deine Tiere – jetzt. Denke nicht daran, was möglicherweise passieren könnte. Kommt meist eh anders.)

     
    Wenn Du magst habe ich einen Buchtipp für Dich. Hilft wirklich. ;-)

  • Das Mädchen auf'm Dach (author) said:

    Vielen Dank für deinen lieben Kommentar, Mathias! Einige deiner Tipps befolge ich schon: Zum Beispiel die Geschenke zu zählen und sich über das zu freuen, was man hat. Das funktioniert meistens sehr gut :) Ich habe Vieles, an dem ich mich erfreuen und für das ich mich begeistern kann. Was die Aufgaben und Probleme betrifft, versuche ich gerade wieder „einen Grund” reinzubekommen. Es hatte sich einfach sehr viel angesammelt in der letzten Zeit und nun mache ich kleine Schritte und „räume auf”. Das Hauptproblem im Studium ist ein ähnliches wie bei Selbständigen: Man hat zum Teil die Freiheit, sich die Zeit freier einzuteilen, aber andererseits hat man nie das Gefühl, wirklich Feierabend zu haben. Das muss ich auf jeden Fall verändern und gezielt Arbeit klar von den Pausen trennen.

    Danke, dass du mir deine Erfahrungen geschrieben hast – im Grunde geht es uns wahrscheinlich allen ähnlich :) Magst du mir deinen Buchtipp noch verraten? Ich bin sehr gespannt!

  • Martin (Lichtinspektor) said:

     
    Hallo Fenja,
     
    Irgendwie habe ich gespürt, dass es Dir in der letzten Zeit einfach nicht gut gegangen ist. Du warst sehr verschlossen und insoweit auch recht still. Das Leben ist niemals wirklich leicht, als Kind nicht, genauso wenig wie als erwachsener Mensch. Aber ich denke und fühle ebenso, mache mir vergleichbare Gedanken. Wenn das „sich sorgen“ ein Teil der Liebe ist, so ist es ja insoweit auch wieder etwas Positives. Mir ging euer Dezember nicht wirklich aus dem Kopf, selbst zu Weihnachten habe ich an Dich und deinen Freund gedacht. Hätte gerne irgendwie mehr helfen wollen, doch mir fehlten auch irgendwie die Worte. Das Leben schreibt die unmöglichsten Geschichten, auch wenn man auf einige davon lieber verzichten würde. Deine Idee mit dem Rumpel finde ich wirklich gut, auch wenn es inhaltlich nur eine Kopfsache ist. Vor allem finde es wirklich respektabel, wie offen du mit deiner Angst und deinen Sorgen umgehst. Unabhängig davon weiß ich aus der Vergangenheit, dass du eine wirkliche Kämpfernatur bist. Dir ist unmittelbar bewusst, um was es geht. Aber du weißt eben auch inhaltlich, was Du machen musst.
     
     
     
    Fenja, ich wünsche Dir als auch deinem Freund viel mehr glückliche Momente, in der Du einfach mal einige Sorgen und Ängste vergessen kannst. Dass du Unbeschwerlichkeit bewusst empfinden kannst und neue Energie schöpfst, um mit derartigen Lebenslagen entspannter umgehen zu können. Mein Vertrauen hast du natürlich und ich wünsche Dir natürlich auch weiterhin alles Gute
     
     
     
    Viele Grüße
     
    Martin
     

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